DFB-Schiedsrichter Krug und Kinhöfer appelieren an Journalisten

Die Schiedsrichter-Schulung für Journalisten in Düsseldorf. Foto: David Nienhaus
Die Schiedsrichter-Schulung für Journalisten in Düsseldorf. Foto: David Nienhaus

Das offizielle Fußball-Regelwerk für die Saison 2012/13 ist 118 Seiten stark, mit bunten Bildern illustriert und unterteilt sich in 17 Regeln – sieben mehr als die Zehn Gebote. Da aber hierzulande über König Fußball und dessen Direktive mehr diskutiert wird, als über die steinernen Tafeln Moses, sind Sportjournalisten gleichermaßen Berichterstatter wie auch Meinungsmacher; und in strittigen Situationen häufig das Zünglein an der Waage, ob sich Volkes Stimme über die Schiedsrichterentscheidung erbost. Um über die strittigsten drei Regelauslegungen aus dem Din-A5-Werk des DFB-Werks aufzukären, dafür lud am Montagmorgen die Schiedsrichter-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Kooperation mit dem Verband Deutscher Sportjournalisten nach Düsseldorf ein.

“Der Job ist schwer und Schiedsrichter sind auch nur Menschen”

FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer aus Herne und Hellmut Krug, Leiter der Fußballschiedsrichter-Abteilung beim DFB, stellten von Beginn der Veranstaltung im Tulip Inn in der Düsseldorfer Arena für die Fußballautoren im Westen Deutschland fest, dass die Unparteiischen in der Wahrnehmung “zu schlecht wegkommen.” Krug betonte immer wieder, wie groß der Druck auf die Schiedsrichter ist und dass ein Spielleiter einen Fehler in einer Begegnung – im Gegesatz zu einem Fußballprofi – “nicht wieder gut machen kann.”

Hellmut Krug erläutert die meist diskutierten Szenen an den Spieltagen in der Hinrunde. Foto: David Nienhaus
Hellmut Krug erläutert die meist diskutierten Szenen an den Spieltagen in der Hinrunde. Hier Raphael Holzhauser vom VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmunds Sebastian Kehl. Foto: David Nienhaus

In langen Diskussionsrunden, unter anderem mit den beiden Kölner Bloggern Alexander Feuerherdt und Klaas Reese von Collinas Erben1 und 35 weiteren Journalisten, wurden verschiedene Spielszenen analysiert, in denen es um Fouls – von Blutgrätschen bis Ellbogen-Checks -, Handspiele (“Wir brauchen eine Schablone bei dieser Regelauslegung”) und Abseitsstellungen ging. Immer wieder fiel das Wort: “Zeitlupenwissen”; das Wissen, was einige Journalisten haben, wenn sie eine knifflige Szene und damit auch die Leistung des Schiris beschreiben und bewerten müssen.

Die beiden Referenten gerieten aber auch zwischenzeitlich ins Plaudern. Sprachen über das Leistungsprinzip in der nationalen und damit auch internationalen Schiedsrichterei, das dringend benötigte zweite Standbein von Profi-Schiedsrichtern und die Top-Gruppe der weltweiten Unparteiischen. “Deutschland hat sechs Schiedsrichter in der Top-Gruppe, das ist einmalig weltweit.”2 Außerdem gab Thorsten Kinhöfer zu, die Benotungen im Kicker oder anderen Zeitungen nicht zu lesen, “wegen des Blutdrucks.”

Technische Hilfsmittel für Schiedsrichter wohl ausgeschlossen

Die spannenden Themen “Doppelbestrafung” bei Roter Karte und Elfmeter und “technische Hilfsmittel für Schiedsrichter”, die bei Fans wie Journalisten gleichermaßen hohen Blutdruck bescheren, waren allerdings schnell abgehakt. “Für die Doppelbestrafung gibt es seit gefühlt 27 Jahren eine Task Force, der Franz Beckenbauer vorsitzt”, erklärte Krug. Das wabere so vor sich hin und “jede Diskussion ist müßig”. Zu einer Diskussion kam es beim Thema “technische Hilfsmittel” erst gar nicht. Krug winkte ab und sagte: Das sei ein unendliches Thema und es sei ausgeschlossen, dass es in dem Bereich bald eine Entscheidung geben würde, die sinnvoll ist.3

Thorsten Kinhöfer bei der Schiedsrichter-Schulung für Journalisten in Düsseldorf. Foto: David Nienhaus
Thorsten Kinhöfer bei der Schiedsrichter-Schulung für Journalisten im Gespräch mit dem ARD-Morgenmagazin. Foto: David Nienhaus

Am Ende bleibt festzuhalten: Es ist auffällig, dass Schiedsrichter in der Tat viel zu wenig in den Medien gelobt werden – vor allem nicht im Verhältnis zur regelmäßig einhagelnden Kritik an den Unparteiischen. Die Spielleiter treffen in Bruchteilen von Sekunden Entscheidungen, die eine Begegnung direkt beeinflussen und die Statistiken der Fußballschiedsrichter-Abteilung des DFB zeigen, dass4 wohl 90 Prozent der rund 220 Entscheidungen in einer Partie richtig sind. In einer informativen, unterhaltsamen Schulung mit viel Eigenironie appelierte Hellmut Krug zum Schluss an die Journalisten. Ein Wimpernschlag dauert 100 Millisekunden, manchmal würden Szenen zu entscheiden sein, die 160 Millisekunden dauern. “Sie machen Meinung, seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst.”

Die wichtigsten Zitate der Schiedsrichter-Schulung für Journalisten:

  • “Auf dem Platz greifen die Spieler zu allen Mitteln  und ich bin dort der Richter.”
  • “Ein Schiedsrichter mit Regelbuch unterm Arm bekommt immer Probleme.”
  • “Wir wollen doch keinen ARD-Brennpunkt!” (Krug auf die Frage, warum ein erfahrener Schiedsrichter das Top-Spiel Bayern gegen Dortmund pfeifen muss)
  • “Da kann man sehen, wie verrückt das ist.” (Krug über die Geschwindigkeit, in der Entscheidungen getroffen werden müssen)
  • “Druck und Stress verändern die Wahrnehmung.”
  1. Der Podcast zur Schulung mit einem Gastbeitrag von mir erscheint am Dienstag oder Mittwoch []
  2. Wolfgang Stark, Felix Brych, Manuel Gräfe, Felix Zwayer, Deniz Aytekin, Florian Meyer []
  3. Lustiges am Rande. Hendrik Buchheister als der Videoplayer auf dem DFB-Laptop nicht starten wollte: “Schiedsrichter und technische Hilfsmittel!” []
  4. offenbar – die Daten liegen mir natürlich nicht vor []

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